Gekommen, um zu bleiben

Flüchtlingshilfe Langförden vermittelt vielen Migranten Jobs und ist stolz auf deren Integration

Wenn Aref Schecho morgens durch die Hallen des Metallbauers Knake in Vechta läuft, spürt man es sofort: Hier ist einer angekommen. Hier ein Moin, da ein Winken, dort ein kurzer Schnack. Fröhlich grüßend marschiert er an den Werkbänken seiner Kollegen vorbei zu seinem Arbeitsplatz. Dort steht er dann, programmiert die Presse, bringt Blech in Form – millimetergenau. Er liebt, was er tut. Und er liebt, wo er ist.
Seit mehr als drei Jahren ist Aref Schecho – Syrer, Jeside, Flüchtling, Familienvater – bei der Firma M. Knake Blechbearbeitung und Gerätebau GmbH am Alten Flugplatz in Vechta. Weihnachten 2014 kam er in den Landkreis– nach einer monatelangen Flucht quer durch Europa.
Aref Schecho ist einer von vielen Flüchtlingen, die in Vechta dabei sind, Fuß zu fassen. Einer, der Glück hatte, nach so viel Pech im Leben. Als Jeside zählt er zu einer verfolgten Minderheit in Syrien, ist kaum zur Schule gegangen, wurde bedroht, verfolgt. In Vechta hat er nicht nur Arbeit, sondern auch eine neue Heimat gefunden. Mithilfe der Flüchtlingshilfe Langförden.
Ihre Mitglieder betreuen derzeit mehr als 70 Migranten. „20 von unseren 22 männlichen Flüchtlingen sind inzwischen in Arbeit“, erzählt Ludger Penkhues, Sprecher der Langfördener Flüchtlingshilfe, nicht ohne Stolz. „Das ist unsere Realität. Und nicht das, was uns manche Politiker und Parteien weismachen wollen. Nämlich dass die Flüchtlinge der Untergang des Abendlandes, dass sie Vergewaltiger, Diebe, Sozialschmarotzer seien.“
Damit will er keinesfalls abstreiten, dass es auch mal Probleme gibt. Viele Geflüchtete fühlten sich heimatlos, entwurzelt, hätten Freunde, Verwandte und nahezu ihr ganzes Hab und Gut verloren. „Manche sind traumatisiert und verzweifelt und nicht in der Lage zu arbeiten. Und natürlich gibt es auch schwarze Schafe – wie bei uns Deutschen auch.“ Aber die ganz große Mehrheit wolle eben arbeiten, Geld und Anerkennung verdienen, eine Heimat finden in Deutschland.
„Die Wirklichkeit ist viel weiter als das, was noch in den Köpfen vieler Menschen, auch vieler Politiker, steckt“, findet auch Rainer Rohnstock. Gemeinsam mit seiner Frau Heidi betreut er für die Flüchtlingshilfe mehr als 20 Syrer – alles Jesiden, darunter auch die Familie Schecho. „Die meisten von ihnen möchten gerne hier bleiben und fühlen sich wohl in Deutschland. Ihr Bemühen um Integration und Sprachkenntnisse ist deutlich spürbar, aber viele tun sich schwer, weil sie wenig Vorbildung haben.“ Umso höher zu bewerten sei das, was Aref Schecho sich in der Zwischenzeit angeeignet habe.
Das findet auch Norbert Kohl, Fertigungsleiter beim Familienbetrieb Knake und Schechos direkter Vorgesetzter. „Aref ist sehr motiviert und wissbegierig, hat viel gelernt in den vergangenen drei Jahren. Sein Deutsch wird von Tag zu Tag besser. Und wenn er doch mal eine Erklärung mehr braucht, helfen ihm die anderen Mitarbeiter.“ Auch der Betrieb selbst lässt sich die Integration etwas kosten, hat Aref Schecho eine Deutschlehrerin organisiert.
„Ich bin total zufrieden“, sagt der über seinen Arbeitgeber und berichtet voller Stolz: „Inzwischen habe ich einen festen Arbeitsvertrag.“ Sein Stolz ist durchaus berechtigt: Denn feste Arbeitsverträge sind fürwahr keine Selbstverständlichkeit unter den Flüchtlingen, ebenso wenig ein auskömmliches Familieneinkommen. Die Bundesagenturen für Arbeit führen deshalb viele vermittelte Migranten als Aufstocker in ihren Karteien. Aref Schecho nicht. Allerdings ganz ohne Geld vom Staat geht es auch in seiner Familie nicht. Wohngeld, einen Kindergeld-Zuschlag und Pflegegeld für die schwer behinderte Tochter Rosil bekommen Aref und seine Frau.
Die Mitglieder der Flüchtlingshilfe Langförden kennen viele Beispiele von Flüchtlingen, die viel dafür tun, in Deutschland Fuß zu fassen. Sie arbeiten in Putzkolonnen, als Konfektionierer, Hausmeister. Oft mit Einkommen, die nicht reichen, um eine Familie zu ernähren, aber alle sozialversicherungspflichtig beschäftigt. In Vollzeit und teilweise ebenso unbefristet wie Aref Schecho.


„Bis wir die Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren zu uns gekommen sind, voll integriert haben, braucht es Zeit. Aber die Zeit wird für uns arbeiten.“

Flüchtlingshelfer Rainer Rohnstock


Da ist zum Beispiel Fikrey Tesfahoni aus Eritrea, der sich bei Big Dutchman als Lagerist verdingt. Oder Ariana Mohammad Khalil. Sie macht eine Ausbildung zur Arzthelferin in der Hausarztpraxis Nordlohne und Wienken in Vechta. Die 21-Jährige hat ihren Realschulabschluss beim Ludgeruswerk in Lohne gemacht. Jetzt ist sie im ersten Lehrjahr.
„Ariana ist sehr fleißig und im Umgang mit den Patienten vorbildlich. Wir haben ihr schon jetzt gesagt, dass wir sie auf jeden Fall halten wollen“, ist Dr. Eva-Maria Nordlohne voll des Lobes. „Wir sind ganz stolz auf sie.“ Auch die Praxis profitiere, erzählt die Ärztin: Denn Ariana öffne Türen zu anderen Migranten. Sie stehe beispielhaft für die Weltoffenheit und Toleranz des Praxisteams.
Eine andere junge Frau, die hart an ihrem Ankommen in Deutschland arbeitet, ist Liza Alkhal. Die 24-jährige Syrerin lebt mit ihren Eltern und Geschwistern eigentlich in Langförden, studiert inzwischen aber im 3. Semester Bio-, Chemie- und Pharmaingenieurwesen an der TU Braunschweig. „Die praktische Arbeit im Labor macht wirklich Spaß. Wir arbeiten in Gruppen zusammen und so lerne ich auch deutsche Studenten besser kennen. Ansonsten habe ich mehr Kontakte zu Ausländern aus der Türkei, Tunesien und anderen arabischen Ländern.“
Schwierig seien die Vorlesungen. Liza Alkhal kann sich zwar gut auf Deutsch verständigen, der Stoff in Mathe, Bio und Chemie in der fremden Sprache bereitet ihr trotzdem Probleme. „Deshalb muss ich viel zusätzlich lernen.“ Eine Hilfe bei den Sprachschwierigkeiten sei, dass sie bei einer Deutschen, einer ehemaligen Lehrerin, untergekommen sei. Vermittelt durch die Flüchtlingshilfe Langförden.
„Bis wir die Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren zu uns gekommen sind, voll integriert haben, braucht es Zeit“, sagt Rainer Rohnstock. „Aber die Zeit wird für uns arbeiten. Das habe ich in meiner Zeit als Berufsschullehrer schon einmal erlebt – vor rund 25 Jahren, als viele Aussiedler in die Bundesrepublik kamen. Und das wird mit den jungen Flüchtlingen, wenn sie erstmal unsere Schulen durchlaufen haben, auch nicht anders sein.“

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